Ein Gedicht in einer Fensterscheibe

26. März 1801
Fensterglas, sekundäre Bleifassung
Br. 29,1 cm, H. 19,2 cm
Henneberg-Museum Münnerstadt

Im März 1801 kehrte der französische Offizier Jean Louis Rambourg im Münnerstädter Gasthof zum Goldenen Löwen ein und verliebte sich in die Wirtstochter Johanna Barbara Mahler. Seine Gefühle verewigte er in einem Gedicht, das er in die Scheibe des Wirtshausfensters einritzte:

 "J’amais le bruit du monde et je cherche la solitude. 
J’avais des vues d’ambitions et je ne désire plus que ta présence.
Je voulais errer sous des climats reculés 
et mon coeur n’est plus citoyen que des lieux où tu respires:
tout ce qui n’est point toi, s’est évanoui de devant mes yeux."

"Ich liebte den Lärm der Welt – und suche nun die Einsamkeit. 
Ich hatte ehrgeizige Ziele – und begehre nun nichts mehr außer deiner Anwesenheit.
Ich wollte in den entferntesten Regionen umherziehen –  und nun ist mein Herz nur noch dort zuhause, wo du atmest.
Alles, was Du nicht bist, verflüchtigt sich vor meinen Augen."

Der Offizier gab seine militärische Karriere auf, heiratete ein Jahr später die Angebetete und wurde Löwenwirt und Posthalter in Münnerstadt. Das anrührende Gedicht ist ein wunderbares Zeugnis für die Macht der Liebe, die einen hitzköpfigen Soldaten in einen sensiblen Poeten verwandeln und sogar in Zeiten des Kriegs Grenzen überwinden kann.

Im Museum Otto Schäfer steht die Fensterscheibe als außergewöhnliches literarisches Zeugnis zwischen den Werken der europäischen Buchkunst und Druckgrafik.

Foto: Nicolas Zenzen